Unconditional Teaching

a living manifesto for healthier relationships in education

Empathisch handeln (statt empathisch sein)

Tyll Zybura | 26 Oct 2021 |

Warum unser konventionelles Verständnis von Empathie problematisch ist und wie Empathie als Praktik unsere Lehre verbessern kann.

The original English version of this essay is “On doing empathy” from 2019.

»Geliebt wirst du einzig, wo du schwach dich zeigen darfst, ohne Stärke zu provozieren.« —Theodor W. Adorno, Minima Moralia, Aphorismus 122

Von Empathie haben zu Empathie tun

Empathie existiert nur, wenn sie praktiziert wird

Gewöhnlich sprechen wir über Empathie als ein Persönlichkeitsmerkmal, nämlich die Fähigkeit, sich „in andere hineinzuversetzen“, sich in die gelebte Erfahrung anderer Menschen einzufühlen. Wir sagen, dass ein Mensch „Empathie hat“ oder „empathisch ist“.

Ich finde dieses Framing problematisch, weil es davon ausgeht, dass Menschen mit dem Persönlichkeitsmerkmal Empathie immer empathisch sind, standardmäßig. Dieses Verständnis ist essentialistisch und kümmert sich nicht weiter darum, was genau Handlungen und Praktiken sind, in denen sich Empathie zeigt oder ausdrückt.

Stattdessen würde ich einen performativen Begriff von Empathie bevorzugen, der Empathie ausschließlich als Praxis betrachtet, als etwas, das wir tun, statt als etwas, das wir haben. Empathische Handlungen sind dann nicht bloß Belege für eine Persönlichkeitseigenschaft, sie sind Empathie: Empathie existiert nur, wenn sie praktiziert wird.

Außerdem ist das Framing von Empathie als Persönlichkeitsmerkmal machtblind, weil es Kontext und Situationalität außer Acht lässt: Wenn man Empathie „hat“, hat man sie immer und man kann sie nicht nicht haben. Aber Menschen können zum Beispiel im Umgang mit ihren Freunden und ihrer Familie empathisch sein, aber un-empathisch im Umgang mit Fremden oder den Familien anderer Menschen, mit ihren Angestellten oder Kollegen, mit ihren Schüler*innen oder Studierenden.

Das Verständnis von Empathie als Performance, als Praxis, etwas, das Menschen im Kontakt mit anderen Menschen tun, legt den Fokus auf den sozialen Kontext und nicht auf die individuelle Psychologie: In welchen Situationen wird Empathie praktiziert und gegenüber wem? In welchen Situationen wird sie nicht praktiziert und was sind die Konsequenzen?

Warum Empathie als Praxis eine Herausforderung ist

Empathie zu tun erfordert ein respektvolles Verständnis anderer Wesen als gleichwertig in ihrer Menschlichkeit

Ich persönlich bin davon überzeugt, dass die meisten Menschen die Fähigkeit, sich in andere einzufühlen, im Überfluss haben – nicht viele Menschen brauchen ein „Training“ in Empathie. Aber ich glaube auch, dass es sehr leicht ist, diese Fähigkeit zu vergessen oder abzuschalten, und Empathie nicht zu tun oder un-empathisch zu handeln. Umgekehrt müssen wir anerkennen, dass es schwer ist, Empathie auszuüben. Es erfordert eine bewusste Anstrengung von uns.

Empathisch handeln ist schwer, weil es ein starkes Selbst erfordert, ein Gefühl der Sicherheit, wer man als Person ist. Es erfordert, sich frei zu fühlen, sich zu öffnen und an der Erfahrung anderer teilzuhaben, an ihrer Freude und ihrem Schmerz, ihren Erfolgsgefühlen und ihren Unsicherheiten. Empathie zu zeigen bedeutet zu akzeptieren, dass wir gleich sind, dass individuelle Erfahrung sozial ist, dass unser Gegenüber ein reiches Innenleben hat, genau wie wir, und dass das, was sie oder er fühlt, sich nicht sehr von dem unterscheidet, was wir fühlen. Es erfordert den Willen, menschliche Verbindung auf Augenhöhe zuzulassen und auszuhalten, ohne zu urteilen. Es erfordert ein respektvolles Verständnis für andere Wesen als gleichwertig in ihrer Menschlichkeit.

Warum Empathie in der universitären Ausbildung besonders schwer ist

Soziale Hierarchien hemmen systemisch die individuelle empathische Praxis

Jede soziale Hierarchie macht Menschen in Bezug auf Status, Prestige und Ressourcen ungleich. Wenn ein Gefühl der Gleichheit für das Ausüben von Empathie notwendig ist, dann folgt daraus, dass soziale Hierarchien systemische Grenzen schaffen, die individuelle empathische Praktiken hemmen. Bildungsinstitutionen sind eine der am hierarchischsten organisierten sozialen Umgebungen, die unsere Gesellschaft aufrechterhält. Aus diesem Grund ist es an der Universität besonders schwierig, Empathie zu praktizieren.

An der Universität versetzt die Hierarchie die Lehrenden in eine höchst privilegierte diskursive Position im Vergleich zu den Studierenden: Die Lehrendenposition bezieht ihre Macht aus mehreren Privilegien, die systemisch (aber nicht natürlich) miteinander verbunden sind 1, nämlich

  • das Privileg der Expertise (Lehrenden wird autoritatives Wissen zugesprochen, das Studierende nicht haben; unabhängig davon, wieviel Einblick in ein bestimmtes Thema beide tatsächlich haben),

  • das Status-Privileg (Lehrende haben strukturelle und soziale Vorrechte, die Studierende nicht haben, z. B. ein Büro zu besitzen, den Diskurs und das Verhalten im Seminarraum zu diktieren, ununterbrochen zu sprechen, als professioneller Gelehrter behandelt zu werden usw., während von Studierenden erwartet wird, dass sie diese Statusmarker respektieren und nicht selbst für sich beanspruchen),

  • das Privileg der Bewertung (Lehrende dürfen und müssen Studierende als Empfänger von Bewertungen behandeln; von Studierenden wird erwartet, dass sie sich als Prüflinge und nicht z.B. als eigenständige Wissenschaftler*innen verstehen),

  • das Privileg des Curriculums (Lehrende gestalten die Fächer und Kurse, die Studierende absolvieren müssen, um ihren Abschluss zu erlangen; Studierende haben keinen Einfluss darauf, wie ihre Studiengänge aussehen)

  • und das Privileg der institutionellen Ressourcen (Lehrende verteilen Geld, Personal und Material innerhalb der Institution, während Studierende keine Kontrolle darüber haben). 2

Diese steile hierarchische Unterscheidung zwischen der Lehrendenposition und der Studierendenposition hemmt Empathie als Praxis auf beiden Seiten in mehrfacher Hinsicht:

Um Empathie gegenüber Studierenden zu üben, müssen sich Lehrende von ihrer privilegierten Position lösen

Erstens übt die Fülle an Privilegien, die Lehrende haben, eine regulierende Kraft auf sie selbst aus: Um ihre privilegierte Position aufrechtzuerhalten und zu rechtfertigen, müssen sie die Privilegien performen. Leider steht das Praktizieren von Privilegien in direktem Gegensatz zum Praktizieren von Empathie. Empathie gegenüber Studierenden zu üben, erfordert von Lehrenden letztlich, sich von ihrer privilegierten Position zu lösen – Studierende als Mitmenschen zu sehen und sie auch als solche zu behandeln. In Anbetracht des Ausmaßes, in dem die Lehrenden-Studierenden-Interaktion grundlegend von hierarchischer Ungleichheit geprägt ist, erfordert die Behandlung von Studierenden als „Gleiche“ einen bewussten Akt des Widerstands. Dieser Widerstand richtet sich gegen die systemische sozial-institutionelle Struktur der Macht, die die Ausübung von Privilegien von ihren Mitgliedern als Praxis der Aufrechterhaltung ihrer selbst erwartet. Diese Art von Widerstand ist schwer.

Zweitens übt der Mangel an Privilegien, den Studierende haben, auch (und offensichtlicher) eine regulierende Kraft auf Studierende aus: Von ihnen wird gleichermaßen erwartet, dass sie ihren hierarchisch niedrigeren Status auf eine Weise performen, die sowohl ihren eigenen Status als auch den der Lehrenden aufrechterhält. Diese studentische Performanz des niedrigen Privilegs steht auch im Widerspruch zum Praktizieren von Empathie: Es ist schwer für Studierende, Empathie gegenüber Lehrenden zu üben, weil das eine Annahme von Gleichheit ist, die das institutionelle Setting nicht zulässt. Es ist auch schwer für Studierende, Empathie gegenüber sich selbst zu üben, weil es die Natur jeder Position des Privilegs ist, dass sie von ihrem deprivilegierten Gegenüber verlangen kann, sich selbst durch ihre Augen zu sehen: Wenn Studierende sich selbst durch die Augen des Bildungssystems sehen, sehen sie sich nicht als Menschen, sondern als Prüflinge. Empathie gegenüber Lehrenden oder sich selbst zu üben, ist für Studierende folglich ein noch schwierigerer Akt des Widerstands.

Das Nicht-Tun von Empathie entmenschlicht sowohl das Selbst als auch das Gegenüber.

Studierenden wird durch die Hemmung, Empathie zu üben, die in der institutionellen Bildung systemisch ist, weit mehr geschadet als Lehrenden. Dennoch schadet es auch Lehrenden, wenn sie keine Empathie gegenüber Studierenden üben (können): Das Nicht-Tun von Empathie verwehrt Lehrenden eine echte menschliche Verbindung zu den Personen, mit denen sie einen Großteil ihrer Zeit verbringen. Es macht sie zu Trägern institutioneller Funktionen, statt zu eigenständigen Akteuren. Das Nicht-Tun von Empathie entmenschlicht sowohl das Selbst als auch das Gegenüber. Es ist nur so, dass die Konsequenzen dieser Selbst-Entmenschlichung für Lehrende, die sich über jene Privilegien definieren, die sie sich hart erarbeitet haben, oft nicht offensichtlich sind.

Die gute Nachricht

Die gute Nachricht ist, dass die Universität den Lehrenden als Individuen viel Freiheit lässt, ihr Privileg in einer Weise zu benutzen, die jene Strukturen untergräbt, die die Privilegien überhaupt erst geschaffen haben und aufrechterhalten – um die Institution zu verändern. Während Widerstand gegen die sozialen Konventionen der Ausübung von Privilegien schwer ist, weil die Konventionen so stark im System verankert sind, hat die Universität glücklicherweise keine starken Mechanismen, um Lehrende aktiv zu sanktionieren, die gegen diese Konventionen handeln.

Sobald wir uns als Lehrende dazu entschließen, Studierende als Personen mit eigener Würde zu sehen und sie auch als solche zu behandeln, sobald wir uns erlauben, das ständige Praktizieren von Privilegien loslassen, erkennen wir, wie einfach das ist und wie wenig sich die Institution wirklich um unseren mangelnden Eifer schert, die sozialen Konventionen aufrechtzuerhalten. Diese Freiheit liegt letztlich in der humanistischen Freiheit von Lehre und Forschung begründet: Wie wir in unserem Unterricht oder in unseren Sprechstunden mit Studierenden kommunizieren, ist nicht institutionell geregelt, außer um die Freiheit der Gestaltung des Unterrichts zu sichern, die eines unserer Lehrenden-Privilegien ist.

Empathie gegenüber Studierenden zu einer Unterrichtspraxis machen

Was können also – über diese abstrakte Analyse von Empathie und ihren institutionellen Bedingungen hinaus – Lehrende tun, um ihre Fähigkeit zur Empathie in eine Praxis der Empathie zu verwandeln?

Im Folgenden beschreibe ich zwei wichtige Aspekte meiner eigenen bewussten Praxis der Empathie, denen ich viel Aufmerksamkeit, Reflexion und Organisation in meinem Unterricht widme. Ich formuliere sie als Ich-Praktiken, um zu betonen, dass sie nicht nur – meiner Meinung nach – wünschenswerte Handlungen innerhalb der Lehr-Lern-Beziehung sind, sondern dass es auch möglich ist, sie in die Praxis umzusetzen.

Das bedeutet nicht, dass ich nicht manchmal daran scheitere, Empathie zu üben: manchmal ist der Widerstand gegen systemische Faktoren, die die folgenden Handlungen erschweren, zu anstrengend. Aber ich setze sie mir dennoch als Leitprinzipien, an denen ich versuche, so viel von meiner Praxis wie möglich festzumachen.

1) Ich behandle Studierende als verantwortliche Personen mit eigenen Prioritäten im Leben.

(Im Gegensatz dazu, sie als „Roboter“ zu behandeln, deren einziger Zweck es ist, „Studierendenarbeit“ nach meinen eigenen höchsten Erwartungen auszuführen.)

Ich akzeptiere, dass Studierende oft arbeiten müssen, um ihren Lebensunterhalt zu verdienen, und dass ihre Arbeit notwendigerweise Vorrang vor der Arbeit für meine Kurse haben kann.

Ich akzeptiere, dass Studierende selbst entscheiden, auf welche Kurse sie ihre Bemühungen konzentrieren und welche sie mit einer geringeren Priorität behandeln. Ich nehme es nicht persönlich, wenn meine Kurse für einige Studierende eine niedrige Priorität haben. Wenn ich erkenne, dass dies für viele Studierende zutrifft, gebe ich nicht ihnen die Schuld, sondern versuche herauszufinden, was ich tun kann, um ihren Bedürfnissen und Interessen besser gerecht zu werden.

Ich akzeptiere, dass Studierende nicht immer perfekte Noten anstreben, sondern ihre Zeit und Mühe lieber in andere Projekte investieren. Manchmal rate ich ihnen sogar, dies als sinnvollen Weg zu einem übergeordneten Ziel zu tun, wie zum Beispiel ihren Abschluss zu machen oder mental und körperlich gesund zu bleiben.

Empathie hält mich davon ab, den akademischen Wert der Arbeit von Studierenden mit ihrem Wert als Personen zu verwechseln

Diese Akzeptanz ist eine Praxis der Empathie, weil ich mir der Prioritäten, die meine eigenen Entscheidungen und Handlungen leiten, sehr bewusst bin. Diese Prioritäten ergeben sich immer aus dem Balanceakt zwischen den Anforderungen meines Jobs, meiner persönlichen Verpflichtungen und meines Wohlbefindens. Und diese Aspekte erreichen nie ein Gleichgewicht, bei dem alle zu ihrem Recht kommen, ohne dass ich es bereue. Wenn das auf mich zutrifft – warum sollte es dann nicht auch auf meine Studierenden zutreffen?

Diese spezifische Art der Empathie bildet eine wichtige Grundlage für meine Arbeit als Betreuer und Begutachter von wissenschaftlichen Arbeiten: Vor allem hält sie mich davon ab, den akademischen Wert der Arbeit meiner Studierenden mit ihrem Wert als Personen zu verwechseln. Stattdessen ermöglicht es mir, sie nach ihren Prioritäten zu fragen und meinen Rat auf die Selbsteinschätzung ihrer aktuellen Fähigkeiten und Bestrebungen zu stützen. Es ermöglicht mir, ihre Arbeit als das Beste, was sie derzeit erreichen konnten zu behandeln, ohne den schädlichen Reflex, ihnen die Schuld für ‚unerfülltes Potenzial‘, ‚mangelnde Einsicht‘ oder ‚glanzlose Anstrengung‘ zu geben (alles negative Bewertungen der Person, nicht der Arbeit).

Letztlich bedeutet diese Art von Empathie, dass ich meine eigenen Ambitionen und Wünsche von der Arbeit meiner Studierenden löse und mich ausschließlich auf ihre Arbeit konzentriere: Indem ich die Verantwortung der Studierenden für ihr Lernen und Zeitmanagement positiv anerkenne, kann ich mich davor bewahren es persönlich zu nehmen, wenn sie nicht alle meine Kriterien für exzellente wissenschaftliche Arbeit erfüllen. Wenn Studierende nach meinen hohen wissenschaftlichen Bewertungsmaßstäben schlecht abschneiden, nehme ich es nicht persönlich, sondern stelle ihnen meine Erfahrung und mein Können zur Verfügung, um sich zu verbessern, wenn sie das wollen. Und wenn sie es nicht wollen, akzeptiere ich es ohne Groll oder Enttäuschung als professionelle Entscheidung.

Wenn Studierende gut abschneiden (was auch immer das für sie individuell bedeutet: manchmal kann eine hart verdiente akzeptable Note mehr bedeuten als eine perfekte Punktzahl), nehme ich das auch nicht persönlich: Ich nehme an ihren Momenten des Stolzes und der Freude teil, ohne sie zu bewerten oder sie mir anzueignen; die Erfolge der Studierende sind ihre allein, ich freue mich, wenn sie mir erlauben, dabei zu sein.

2) Ich behandle Studierende als Personen mit ihren eigenen Verletzlichkeiten und Problemen.

(Im Gegensatz dazu, sie als anonyme Objekte meiner Lehrtätigkeit zu behandeln, deren emotionales Wohlbefinden mich nichts angeht.)

Ich bin kein professioneller Berater, aber das bedeutet nicht, dass ich keine Achtsamkeit im Angesicht von Not zeigen kann

Ich akzeptiere, dass viele Studierende unter einem enormen Leistungsdruck in ihrer Ausbildung, in ihrem Job und in ihren Beziehungen leiden. Ich erkenne an, dass ein hohes Maß an Stress und Angst zu einer Zunahme von akuten und chronischen psychischen Problemen unter Studierenden geführt hat. Als Vertreter einer Institution, die diese Probleme strukturell verstärkt, übernehme ich individuelle Verantwortung, sie zu mildern, wo ich kann. Ich frage die Studierenden ausdrücklich, ob es ihnen gut geht, wenn ich das Gefühl habe, dass es ihnen nicht gut geht, und ich stelle mich als Ansprechpartner zur Verfügung, wenn es nötig ist.

Dies ist vielleicht die schwierigste und wichtigste Form empatischer Praxis. Es ist die wichtigste, weil Menschen, die in Not sind, die Zuwendung ihrer sozialen Umgebung am meisten brauchen. Und es ist die schwierigste, weil Einfühlung in Menschen in Not bedeutet, dass wir uns für ihren Schmerz zugänglich machen.

Als Lehrender bin ich kein professioneller Berater oder Therapeut, aber das bedeutet nicht, dass ich keine Achtsamkeit im Angesicht von Not zeigen kann. Ich kann mir den Kummer meiner Studierenden geduldig anhören, ohne sie für ihre Schwäche zu verurteilen. Ich kann mitfühlen. Wenn ich um Rat gefragt werde, kann ich von meinen eigenen Erfahrungen berichten, wenn ich sie teilen möchte, oder zugeben, dass ich ratlos bin – zu keinem Zeitpunkt nehme ich den Ratsuchenden die Verantwortung für ihre Selbstregulierung und ihr Handeln ab. 3

Diese Akte der Empathie gegenüber Studierenden, die leiden, erforderten eine Menge Arbeit an mir selbst, um meine eigene emotionale Belastbarkeit zu finden. Sie erforderten den Mut, Verletzlichkeit zuzulassen und mich für den Schmerz anderer zu öffnen. Sie erforderten auch, dass ich mich mehr über Depressionen und Angststörungen informiere. Sie erforderten den Willen, ein mitfühlender Mensch zu sein, der mit seinem sozialen Umfeld in Verbindung steht und nicht von ihm abgekoppelt ist.

Diese Praktiken der Empathie haben auch zu den lohnendsten Erfahrungen meiner Lehrtätigkeit geführt und haben starke Bindungen zwischen mir und einzelnen Studierenden entstehen lassen, die ich noch lange nach ihrem Abschluss zu schätzen wissen werde.

In diesem Sinne hat das Tun von Empathie immens zu meinem eigenen Wohlbefinden beigetragen.


  1. „Lehrendenposition“: Ich spreche hier von der Lehrendenposition in einem abstrakten, Foucauldschen Sinne: einzelne Lehrende können einige oder alle dieser Privilegien immer nur in begrenztem Maße nutzen. Aber relational gesehen, im Gegensatz zur Studierendenposition, werden diese Privilegien allen einzelnen Lehrenden in einem größeren Ausmaß gewährt als allen einzelnen Studierenden. 

  2. Lehrende vs. Wissenschaftlerinnen: Ich spreche hier von Lehrenden und nicht von Wissenschaftlerinnen, weil mein Fokus spezifisch auf der Interaktion im Bildungskontext liegt. Aber alle Lehrenden nehmen auch die Privilegien von Universitätswissenschaftler*innen in Anspruch, weil der pädagogische Teil der Universität eine Erweiterung der Forschung ist: Alle Dozenten wurden zuerst als Forscher ausgebildet und wurden später zu Lehrenden. 

  3. Studierende in schwerer Notlage: Für schwerwiegende Fälle, von akuten Angstattacken oder Phasen intensiver Depression bis hin zur Gefahr von selbstverletzendem Verhalten, halte ich eine Liste mit Beratungsangeboten bereit, die ich an Studierende weitergeben kann, die sie benötigen. An den meisten Universitäten gibt es inzwischen Handreichungen und Richtlinien für den Umgang mit Studierenden in großer Not, und ich denke, jeder Lehrender hat die professionelle Pflicht, sich damit vertraut zu machen. Aber Empathie zu üben bedeutet in erster Linie, mich nicht vor diesen Studierenden zu verschließen, mich stattdessen für ihren Schmerz offen zu halten. 


Comments


Comments are moderated: your comment will appear upon admin approval.

By saving your comment you agree that the entered data will be stored. This site does not share any data with third parties. Data security notice and comment policy.