Unconditional Teaching start

Wertschätzung als bewusste Lehrpraxis

Tyll Zybura, 27. Oktober 2022

Wenn wir es uns zur Gewohnheit machen, spezifische und persönliche Wertschätzung für Beiträge zu unseren Seminaren auszudrücken, ohne dabei autoritär-lobend zu sein, fördern wir Motivation und soziales Wohlbefinden unserer Studierenden und unserer selbst.

Wertschätzung-Zeigen ist eine der kleinen aber wirkungsvollen Lehrpraktiken, über die ich gern in meinen Workshops spreche, zuletzt in „Hacks & Habits for Good Teaching: Small changes, big effects“.

Es geht dabei einerseits darum, dass wir Studierende in unseren Seminaren willkommen heißen und ihnen soziale Sicherheit für ihr Lernen geben, etwa indem wir uns bewusst für Anwesenheit, Aufmerksamkeit und Vertrauen bedanken. Andererseits geht es darum, dass wir den Beiträgen und Leistungen von Studierenden zu unseren Seminaren menschlich und fachlich Anerkennung zollen, indem wir sie persönlich, spezifisch und differenziert würdigen.

In einem leistungsorientierten Massen-Bildungssystem, in dem Studierende strukturell leicht reduziert werden auf Matrikelnummern, Anwesenheitshäkchen, Credit Points und Noten, erfordert diese Praxis der Wertschätzung von uns eine bewusste Verwendung von Sprache. Lehrende sind es oft einfach nicht gewohnt, Lernen als menschliche Tätigkeit wertzuschätzen – erfolgreiches Lernen wird leicht als selbstverständlich angesehen; der Rede wert ist es meist nur, wenn es ‚scheitert‘ (gemessen durch und an schlechten Noten); und wenn Lern-Leistung verbal honoriert wird, geschieht das oft durch Lob – Lob ist aber etwas anderes als Wertschätzung (dazu unten mehr). Lehrende haben diese Erfahrung meist selber so gemacht und übertragen sie leicht auf ihre Studierenden. Gelingendes Lernen wird dadurch nicht gefördert.

Wenn wir uns hingegen Formulierungen zurechtzulegen und eine Rhetorik üben, die Studierende als Personen und als Lernende würdigt (ihre inhärente Würde bestätigt) und ihre Beiträge zum gemeinsam Projekt des Lehrens und Lernens anerkennt, dann etablieren wir eine Art von Kommunikation, die Studierende einlädt, sich als Teil unserer Forschungsgemeinschaft zu fühlen und an unserer Wissenschaft teilzuhaben, was wiederum Motivation und aktive Beteiligung fördert.

Wertschätzung ritualisieren ist leicht

Einfache rituelle Sprechakte des Willkommens und des Sich-Bedankens sind ein leichter Einstieg, um eine wertschätzende Seminar-Atmosphäre zu etablieren. Zum Beispiel am Anfang und Ende jeder Sitzung (wir duzen unsere Studierenden und lassen uns auch duzen, aber ich verwende im Folgenden „du“ und „Sie“ ungefähr abwechselnd):

  • »Willkommen zurück zur dritten Sitzung unseres gemeinsamen Seminars.«
  • »Ich freue mich, euch heute wieder zu sehen.«
  • »Ich werde mit etwas Input anfangen und bin gespannt auf die Diskussion danach.«
  • »Wenn Sie mögen, freue ich mich danach über Ihre Fragen.«
  • »Vielen Dank, dass ihr heute hier wart.«
  • »Vielen Dank für die Zusammenarbeit.«
  • »Vielen Dank für die Diskussion.«
  • »Vielen Dank für die Fragen.«
  • »Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit.«
  • »Danke, dass ihr noch einen Moment geblieben seid, obwohl ich die Zeit überzogen habe.«
  • »Ich freue mich, dass wir heute das Thema X abschließen konnten.«

Oder zwischendrin:

  • »Ja, vielen Dank für den Beitrag.«
  • »Vielen Dank für die kritische Anmerkung.«
  • »Vielen Dank für die Anregung.«
  • »Vielen Dank für Ihre Bereitschaft zur Tafelarbeit.«
  • »Vielen Dank für dein Referat.«
  • »Ich freue mich sehr über die Fragen!«

Wenn wir einmal darauf achten, bewusst mehr solcher Sätze zu sagen, verstärkt sich diese Praxis selbst und wird schnell zur authentischen Gewohnheit. Denn es fühlt sich einfach gut an, wertschätzend zu sein. Man lächelt dadurch auch mehr und (Überraschung!) bekommt Lächeln und Wertschätzung zurück.

Das sind keine Oberflächlichkeiten. Wir üben damit Aufmerksamkeit dafür, wo in unseren Seminaren schon kleine Erfolge stattfinden, und schärfen unseren Blick dafür, wo unsere Lehre bereits gut funktioniert. Wir schützen uns davor, uns an kleinen Misserfolgen aufzuhängen. Wir zeigen unseren Studierenden, dass wir ihre Mitarbeit und ihr Mitdenken, ihre Aufmerksamkeit und – ja! – auch ihre Anwesenheit nicht einfach für selbstverständlich halten. Und dadurch, dass Studierende als Gruppe und Individuen viel positive Würdigung erfahren, fühlen sie sich freier dazu, selbstbewusst und konstruktiv mit uns und ihren Kommiliton*innen zu interagieren.

In den Zitaten oben habe ich vermieden, positive Adjektive zu verwenden, denn: Auch niedrige Anwesenheit, stockende Diskussionen, mühsame Referate, stolpernde Redebeiträge oder abseitige Fragen verdienen Anerkennung. Sie sind Teil eines Lernprozesses, der manchen leichter und anderen schwerer fällt – je schwerer eine Sache ist, desto mehr verdient es die Mühe wertgeschätzt zu werden, die Menschen hineinstecken. Explizite Wertschätzung ist auch eine Performanz radikaler Akzeptanz.

Die Studierenden, die in unser Seminar kommen, haben eine bewusste Entscheidung getroffen, ihre Zeit zu unseren Gunsten zu priorisieren; wissenschaftlicher Diskurs ist nicht leicht und muss geübt werden; und viele Studierende empfinden es als stressig oder angstbesetzt, sich im Seminar zu beteiligen. Wir zeigen Respekt gegenüber der Tätigkeit des Lernens indem wir es honorieren, wenn Studierende Aufwand für unser Seminar betreiben und den Mut zu aktiver Mitarbeit aufbringen.

Ich-Botschaften, Konkretisierung und persönliche Anrede

Willkommen und Dank sind aber nur der Anfang einer Praxis der Wertschätzung. Wir können unsere wertschätzende Sprache noch stärker machen, indem wir uns als Personen zeigen und Studierende differenziert als Personen ansprechen.

  • »Ich fand besonders den Diskussionsbeitrag von Ihnen, Frau A, zu (… Thema …) nochmal spannend, weil Sie (… Paraphrase …). Da will ich gern nächste Woche anknüpfen.«
  • »Ich hab mir notiert, dass einige von euch noch Fragen zu (… Thema …) hatten, darauf möchte ich jetzt gern zurückkommen.«
  • »Ich bin durch die Anregung (… Zusammenfassung …) von Herrn B nochmal auf den Gedanken (… Ausführung …) gekommen.«
  • »Frau A, Ihre Kritik (… Paraphrase …) habe ich gehört, darüber will ich bis zur nächsten Sitzung nochmal nachdenken.«
  • »C, ich habe gemerkt, dass du sehr aufgeregt warst und respektiere deinen Mut – vielen Dank für deinen (… Beitrag …).«
  • »Ich hatte den Eindruck, dass an unserem Thema insbesondere (… Aspekt 1 …) und (… Aspekt 2 …) für Sie wichtig waren.«
  • »Ich war nicht sicher, ob die Übung so funktionieren würde, aber ich habe daraus gelernt, dass (… Erkenntnis …).«
  • »Danke, dass ihr (… Lernformat …) so mitgemacht habt, auch wenn es schwierig war. Ich habe beobachtet, dass (… spezifische Schwierigkeiten …).«
  • »Danke, dass Sie mit mir geteilt haben, wie es Ihnen mit der Klausur geht. Ich habe gehört, dass (… Lernbedürfnisse, Unsicherheiten …) für Sie wichtig sind.«
  • »Wenn ich weniger Stoff vorbereite und wir mehr diskutieren, funktionieren die Sitzungen offenbar besser – ich habe heute viel von euch darüber gelernt, wie wir gut zusammen arbeiten können, danke dafür.«

Drei Dinge sind wichtig an dieser Art von Kommunikation:

Die Formulierung als Ich-Botschaft signalisiert, dass wir persönlich investiert in den Austausch und das Unterrichtsgeschehen sind. Statt unpersönliche Sprache zu verwenden (»Man hat gesehen, dass«, »Es gibt noch Fragen«, »Dies und jenes ist wichtig«), beteiligen wir uns als Person, die wach ist für die Begegnung mit Menschen und aufmerksam für soziale Aspekte des Seminars.

Konkretisierung bedeutet, dass wir nicht in Allgemeinplätzen sprechen, sondern spezifisch spiegeln, was wir gehört und beobachtet haben. Wir signalisieren damit, dass wir die Beiträge von Studierenden aufmerksam wahrnehmen und sie ernst nehmen. ‚Gesehen-Werden‘ ist eines der Grundbedürfnissen von Menschen in sozialen Situationen, und durch konkretes Referenzieren von Beiträgen zeigen wir unseren Lernenden, dass wir sie sehen.

Deswegen ist auch die persönliche Anrede so wichtig (für die wir uns die Mühe machen müssen, Namen zu lernen, auch das drückt Wertschätzung aus 1): Menschen möchten als Individuen gesehen werden, das ist motivierend. Ideen, Gedanken und Kritik namentlich zu referenzieren ist aber auch einfach gute Wissenschaftspraxis – wir demonstrieren damit den Stellenwert, den es in unserer forschenden Tätigkeit hat, eine Quelle auszuweisen und ‚Credit zu geben‘.

Lob ist keine Wertschätzung

Zwei wichtige Inspirationsquellen für die Beziehungen, die Unconditional Teaching zwischen Lehrenden und Lernenden etablieren möchte, sind die Erziehungsexperten Jesper Juul und Alfie Kohn. Beide sprechen in ihren Büchern und Vorträgen ausführlich und immer wieder darüber, dass Lob und Belohnungen schädlich für Kinder sind, weil sie Werturteile ausdrücken. Lob und Belohnung sind nur die Kehrseite von Abwertung und Strafe. Gelobte Kinder erleben sich nicht als bedingungslos akzeptiert, sondern lernen, dass sie zuerst etwas leisten müssen, um als wertvoll angenommen zu werden.

Das trifft auf erwachsene Menschen natürlich auch zu. Lob (genauso wie Strafe) kommt immer von oben, es etabliert eine hierarchische Beziehung, selbst wenn die Beziehung ursprünglich vielleicht sogar gar nicht hierarchisch war. Im Bildungskontext sind unsere Beziehungen von vornherein schon hierarchisch organisiert und Lob ist ein Ausdruck klarer Autorität; es unterwirft das Lernen eines Menschen der Bewertungsmacht eines anderen. Das sorgt dafür, dass die intrinsische Motivation, selbstbestimmt etwas zu lernen, durch die extrinsische Motivation, Validierung von Außen zu erfahren, überschrieben wird. Weil Lob in Lehr-Lern-Beziehungen nur für Lern-Erfolge ausgesprochen wird, impliziert das, dass nur Erfolg Respekt verdient. Es macht den Selbstwert von Lernenden abhängig von der positiven Bewertung durch Lehrende und es erzeugt natürlich auch Angst vor negativer Bewertung.

Eine Praxis authentischer, konkreter und persönlicher Wertschätzung erzeugt stattdessen ohne viel Aufwand Gemeinschaft und Vertrauen zwischen gleichwürdigen Menschen – und damit beste Voraussetzungen für konstruktives Lehren und Lernen.


  1. Ich versuche nicht, alle Namen aller Studierenden in meinen Seminaren auswendig zu lernen. Aber ich frage jedes Mal freundlich nach dem Namen, wenn jemand sich mündlich beteiligt oder persönlich mit mir in Kontakt tritt, und ich gebe mir Mühe, mir den Namen und das Gesicht zu merken. Ich verwende Namen dann bewusst immer, wenn ich Studierenden im Plenum das Wort erteile oder anderweitig mit ihnen agiere, so lerne ich sie schnell kennen. Das würden wir in einem Kreis von Kolleg*innen, auf einer Konferenz oder in einer temporären Arbeitsgemeinschaft ja auch ganz selbstverständlich tun. ↩︎

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